"Es muss nicht überall NPD drauf stehen, wo NPD drin ist !
[fbÄ, ray] Mit diesen Worten bedachte
der NPD-Direktkandidat den ehemaligen Kultus- und Wissenschaftsminister
Mathias Rößler (CDU) während einer CDU-Veranstaltung im
August in Reinhardtsdorf-Schöna. Am Ende der Veranstaltung zum Patriotismus
sangen CDU-ler und NPD-ler gemeinsam die Nationalhymne. Die Wähler(innen)
bedankten sich mit über 16% der Erststimmen bei Nazi Leichsenring.
Weder Rößler, noch der ebenfalls anwesende CDU-Bundestagsabgeordnete
Klaus Peter Brähmig boten den Frechheiten von Leichsenring Paroli.
Im Gegenteil, als Leichsenring den früheren Bundeskanzler Willy Brandt
als Politiker mit durchgescheuerten Knien an der Hose verhöhnte,
in Anspielung auf dessen Kniefall in Warschau vor den Opfern der Nationalsozialisten,
legte Brähmig auf die Feststellung Wert, er persönlich habe
keine durchgescheuerten Hosen an seinen Knien. Die CDU verbiegt sich bei
ihrem Versuch rechte WählerInnen zu (re-) integrieren.
Nach den Landtagswahlen in Sachsen im September 2004, bei denen die NPD
9,2% der Stimmen erhielt, rieten die Politikwissenschaftler Werner J.
Patzelt (TU Dresden) und Eckhard Jesse (TU Chemnitz) der CDU, die WählerInnen
der Neonazis durch Besetzung bestimmter Themen, für die CDU zurückzugewinnen.
Ganz wichtig ist auch, so Patzelt gegenüber der ZDF-Heute-Redaktion,
dass gerade die vernünftigen und staatstragenden Parteien der
NPD den Themenbereich Patriotismus, Nationalgefühl und positive Identifikation
mit Deutschland aus der Hand nehmen. In einem Interview mit der
Freie(n) Presse kritisierte Eckhard Jesse Mitte Juli den aktuellen
Wahlkampf der CDU, die CDU will auf leisen Sohlen an die Macht.
Sie lässt dabei sträflicherweise wichtige Themen aus, wie Patriotismus,
die Ängste vor einem EU-Beitritt der Türkei oder eine kritischere
Haltung zu den USA. Damit könnte sie gerade im Osten punkten.
Jesse, der sich gerne als neutraler Extremismusforscher interviewen lässt,
nahm sich seinen eigenen Rat so zu Herzen genommen, dass er zur Wahlkampfzeit
höchstpersönlich durch Sachsen reiste, um mit seinem Konzept
des Patriotismus eine neue Volksgemeinschaft zu schmieden,
die einer NPD nicht mehr bedarf. Der ehemalige sächsische Kultus-
und Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU) ist der Wortführer
eines Quintetts, dem neben Jesse der Politologe Volker Kronenberg (Uni
Bonn), bekannt durch sein Werk Ernst Nolte und das totalitäre
Zeitalter. Versuch einer Verständigung (Bouvier 1999), die
Historikerin an der Chemnitzer TU, Beate Neuß, Vizepräsidentin
der Konrad-Adenauer Stiftung (KAS) und der Historiker Frank-Lothar
Kroll (TU Chemnitz) angehören. Rößler wird für den
Landesparteitag der CDU im Herbst einen Leitantrag Deutscher Patriotismus
in Europa einbringen und zusammen mit den WissenschaftlerInnen ein
Buch herausgeben. Das hat sein Mitstreiter Volker Kronenberg bereits getan.
Sein Buch Patriotismus in Deutschland. Perspektiven für eine
weltoffene Nation ist im August im VS Verlag für Sozialwissenschaften
erschienen. In einem Beitrag für die von der CSU nahen Hanns-Seidel-Stiftung
herausgegebenen Politische Studien erläutert er in dem
Beitrag Patriotismus heute, worum es bei seinem Verständnis
von Patriotismus gehen muss: Eine Nation, die politisch nicht weiß,
was sie will. Sei es die Diskussion um eine Verfassung für
Europa, sei es die Frage nach einem Beitritt der Türkei zur EU, sei
es die Frage nach den nationalen Interessen jener außenpolitisch
nun plötzlich auf deutschen Wegen agierenden Zentralmacht
Europas, oder sei es die Idee des deutschen Finanzministers, den 3. Oktober
als Tag der Deutschen Einheit aus dem Kalender der Feiertage
zu streichen: Die Deutschen sind sich ihrer selbst, ihrer Identität
nicht gewiss. Den Deutschen muss also eine Identität
gegeben werden, die über die ihrer sozialen Herkunft hinausweist.
Das ist der gleiche Propagandatrick, mit dem sich die Nationalrevolutionäre
von der NPD und den Burschenschaften Ende der 60er gegen den Aufbruch
der rebellierenden 68er-Generation stemmten.
Die Auftaktveranstaltung zu der Patriotismus-Kampagne, die nach dem erklärten
Willen der Initiatoren an die abgebrochene Leitkultur-Debatte von Friedrich
Merz (CDU) anknüpft, fand im Juni unter Teilnahme von Helmut Kohl
in der Albrechtsburg in Meißen statt. Patriotismus, Liebe
zum Vaterland, so Rößler in seinem Hauptreferat, kann
man nicht herbeireden oder verordnen. Er ist missbraucht worden von den
großen Verbrechern in der Geschichte der Völker, nicht nur
in Deutschland. Und er eignet sich nicht für Parteigezänk in
der Zeit von Wahlkämpfen oder Reformen. Patriotismus wird gelebt
in den guten und schlechten Zeiten und erlebt in den Sternstunden unserer
Geschichte: Am 9. November 1989, als die Mauer in Berlin gefallen ist.
Oder am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden. Hunderttausend
Menschen bekannten sich mit damals mit dem Ruf Wir sind ein Volk!
zu ihrer Nation, dieser alle Deutschen umschließenden Gemeinschaft,
auf deren Solidarität wir bauen konnten, deren Kultur und Sprache
uns in der Zeit der Teilung eng zusammenhielt. Schon die zitierten
einleitenden Worte seiner Rede deuten auf den Zweck der Kampagne hin:
Geschichtsrevisionismus auf leisen Sohlen mit der nun patriotisch
eingefärbten nationalen Frage. Das zeigt auch der Vortrag
von Eckhard Jesse, den er Anfang August auf Einladung der Direktkandidatin
des Wahlkreises 162 (Freiberg, Mittlerer Erzgebirgskreis), Veronika Bellmann,
im Freiberger Brauhof hielt, just an dem Ort, wo vor genau
einem Jahr die Jungen Nationaldemokraten (JN) ungestört
einen Kreisverband gründen konnten und der Nazi-Barde, Frank Rennicke,
vor fast 300 Anhängern seine schmutzigen Lieder singen konnte. Eckhard
Jesse verpackt sein Patriotismus-Konzept vor 28 ZuhörerInnen
mit biblischer Attitüde in zehn Thesen. Der nur schwer verständlich
dargebotene Vortrag löst beim Publikum allerdings keine Begeisterungsstürme
aus. Zunächst liefert Jesse eine Definition und erklärt, dass
Patriotismus Liebe plus Vaterland sei und im Guten wie
im Schlechten zur eigenen Geschichte stehe. Aufgeklärter
Patriotismus sei Voraussetzung für das Wertesystem und richte
sich gegen Multikulturalismus. Geschickt grenzt er den Patriotismus
vom Nationalismus ab, der Hass auf die anderen
produziere, während Patriotismus, die Liebe zu sich selbst sei. Voraussetzung
für die Eigenliebe ist nach Jesse die Erkenntnis, dass die Last
der Vergangenheit vorbei sei. Jene schändlichen 12 Jahre.
Früher wollten die Deutschen immer die größten sein. Das
sei vorüber; denn der Nationalismus ist ein Leichnam.
Die zweite deutsche Demokratie erklärt Jesse als eine Reaktion auf
die erste deutsche Diktatur, die zweite Diktatur sei sowjetischer Herkunft.
Als Verfechter der Totalitarismustheorie muss Jesse die Nazis mit den
real-existierenden Sozialisten gleich setzen. Mit einem Hauch von Sarkasmus
weist er darauf hin, dass der Teufel nicht immer durch die gleiche
Tür komme. Als Begründung, warum ausgerechnet jetzt eine
Patriotismus-Debatte losgetreten werden müsse, spricht Jesse einen
zukünftigen Kurswechsel an. Das Thema Patriotismus
liegt in der Luft, bedarf aber keiner Instrumentalisierung durch
den Wahlkampf. Es gehe im Prinzip um die Deutungshoheit. Jedes Gemeinwesen
braucht einen Zusammenhalt, besonders in Krisenzeiten besteht eine Spaltungsgefahr,
so Jesse in einer weiteren These. Es dürften keine Parallelgesellschaften
entstehen, die insbesondere von Menschen aus fremden Kulturkreisen gelebt
würden. Die Gesellschaft spalten könne der islamistische Fundamentalismus
und der Links- und Rechtsextremismus, wobei sich die Extreme, wie bei
einem Hufeisen, sehr nahe kämen. Wie fließend die Grenzen zwischen
Konservatismus und Neonazismus sein können zeigte eine Veranstaltung
an der TU Chemnitz am 9. März. Die Bundesbeauftragte für die
Stasiunterlagen, die Sächsische Landeszentrale für Politische
Bildung und die TU Chemnitz führten eine Veranstaltung unter dem
Motto Als der Panzer bebte durch. Als Referent war der Panzersprenger
von Chemnitz Josef Kneifel geladen. Ihm zur Seite stand Prof. Dr.
Eckhard Jesse, der keine Berührungsängste gegenüber Kneifel
zeigte, der für die neonazistische Hilfsorganisation für
nationale politische Gefangene und deren Angehörige (HNG) als
Gefangenenbetreuer arbeitet. Mit der Fokussierung auf die NPD geraten
die Entwicklungen in der sogenannten Braunzone zwischen Konservatismus
und Neofaschismus aus dem Blick. Auf der Landesliste der sächsischen
CDU kandidieren Personen, deren Abgrenzung nach Rechtsaußen nicht
immer deutlich zu erkennen ist. Auf Platz 1 wurde mit Arnold Vaatz ein
Vorstandsmitglied des Studienzentrum Weikersheim gewählt,
der unlängst aus Kuba ausgewiesen wurde, weil er sich dort mit umstürzlerischen
reaktionären Kräften traf. Gleich hinter Vaatz tritt mit Dr.
Michael Luther ein Interviewpartner der vom VS in Nordrhein-Westfalen
immer noch als rechtsextrem bezeichneten Junge(n) Freiheit.
Auf Platz 6 folgt mit Veronika Bellmann eine Abgeordnete, die aus ihren
Sympathien für die Gedanken Martin Hohmanns in einem im Magazin Der
Selbständige (NRW) abgedruckten Gespräch mit dem Begründer
der faschistoiden Stimme der Mehrheit, Joachim Schäfer,
keinen Hehl macht. Auf Platz 20 schließlich wurde mit Yvonne Olivier
ein ehemaliger Kader des neonazistischen Thule-Seminar e.V.
positioniert. Den ideologischen Kern des Thule-Seminars e.V.,
das vom sächsischen Verfassungsschutz 1996 als eindeutig rechtsextremistische
Organisation eingestuft wird, bildet eine ethnozentristisch gewendete
Ideologie der Ungleichheit, mit der sich die Neonazis gegen eine multikulturelle
Gesellschaft erwehren wollen. Yvonne Olivier ist heute Pressesprecherin
des CDU-Kreisverbands Meißen, dem der Patriotismus Promoter Matthias
Rößler vorsitzt. Olivier geriet Mitte der 80er auch in die
Medien, weil sie an der Produktion der Schülerzeitung Komet
in Göttingen maßgeblich beteiligt war. Die Schülerzeitung
stand in dem Verdacht von NPD-Mitgliedern gesteuert zu werden. Darüber
hinaus engagierte sich Yvonne Olivier beim Bund der Vertriebenen
(BdV) und dem revanchistischen Gesamtdeutschen Studentenverband
(GDS), bei dem sie zusammen mit Peter Boßdorf (heute regelmäßiger
Autor der Jungen Freiheit) eine herausragende Funktion bekleidete.
Mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Boßdorf gehörte
sie auch zum Umfeld des Ring(s) freiheitlicher Studenten (RFS)
und dessen Zeitschrift student [vgl. Der Rechte Rand (1990),
H. 7, S.8- 9]. Nach dem Fall der Mauer machte Yvonne Olivier schnell Karriere
in der ehemaligen DDR. AntifaschistInnen staunten nicht schlecht als sie
im sächsischen Landtagskurier Yvonne Olivier an der Seite
von Landtagspräsident Dr. Erich Iltgen (CDU) abgebildet sahen. Die
inzwischen zur Regierungsdirektorin aufgestiegene Olivier strebt nun einen
Sitz im Deutschen Bundestag an. Von ihren Aktivitäten beim Thule-Seminar
hat sie sich nie öffentlich distanziert. Während ihr CDU-Kreisvorsitzender
Matthias Rößler den Fraktionsvorsitzenden der PDS im sächsischen
Landtag, Peter Porsch, aufgrund von Stasi-Vorwürfen aus dem Hochschuldienst
entfernen ließ, scheint die Neonazi-Vergangenheit des Parteimitglieds
Olivier den notorischen Patrioten Rößler überhaupt nicht
anzufechten: eine Folge der verschwommenen Konturen und konsequente Antwort
auf die neue national-patriotische Frage, die in Sachsen auch den Neonazis
nutzt.
[Quelle: FreibÄrger Nr. 46, Oktober-November 2005, S. 7-9]
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