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Ausstellung "Open your eyes" im BrennPunkt
Gespräch mit Claudia Wickmann (20)
FbÄ: In der Freien Presse konnte mensch lesen, dass Du
mit 11 Jahren angefangen hast, Gedichte zu schreiben. Wie kam es dazu?
Claudia: Irgendwie musste ich meine Erfahrungen verarbeiten und
dieser Weg ist und war für mich die beste Art, mich mit meinem Erleben
auseinanderzusetzen und umgehen zu können.
FbÄ: Das allererste Gedicht, kannst Du dich daran noch
erinnern?
Claudia: Ja, natürlich, das war eigentlich ganz schön
traurig, das hieß "Hass" und ging gegen einige Leute.
Die Gedichte waren schon ein wenig tiefgründig. Realistisch geprägt.
FbÄ: Du hast mit Gedichten deine augenblickliche emotionale
Befindlichkeit ausgedrückt. Hast Du den Hassobjekten die Gedichte
auch zukommen lassen?
Claudia: Nö! Das hätte auch nichts gebracht.
FbÄ: Du hast die ersten Gedichte also vor der Öffentlichkeit
verschlossen, wie so viele SchriftstellerInnen erst einmal für die
Schublade produzieren.
Claudia: Es war bei vielen Leuten so, dass sie die Gedichte nicht
bekommen haben. Ich konnte meinen Schmerz, meine Erfahrungen dadurch besser
bewältigen und das hat mir für's Erste gereicht.
FbÄ: Wem hast Du zuerst deine Gedichte gezeigt?
Claudia: Meinem besten Freund!
FbÄ: Wie hat er darauf reagiert?
Claudia: Er fand sie sehr beeindruckend. Und dieses Feedback habe
ich dann von vielen bekommen, so dass ich mir dachte, es ist viel zu schade,
die Gedichte nur für mich zu behalten und wollte sie dann doch lieber
an die Öffentlichkeit bringen und die Leute zum Nachdenken anregen.
FbÄ: Wie hast Du dann die große Barriere überwunden,
deine persönlichen Gedichte einem größeren Publikum vorzustellen?
Claudia: Ich habe mit meinen Lehrern, damals, über Gott und
die Welt philosophiert und diskutiert und irgendwie kam die Idee zu einer
Ausstellung, die zunächst sehr politisch war. Ich habe dann eine
Bekannte angesprochen und wir kamen zu dem Entschluss, dass sie mit ihren
Bildern und ich mit meinen Texten, die Öffentlichkeit ansprechen
sollten. So entstand die erste Ausstellung.
FbÄ: Nun ist es ja etwas ungewöhnlich, seine Texte
in Form einer Bilderausstellung öffentlich auszuhängen! Warum
hast Du nicht in der Schülerzeitung oder in den Schriften der Freiberger
AG Wort publiziert?
Claudia: Ich hatte solche Kontakte nicht und habe auch nicht intensiv
danach gesucht. Ich war in unserem Jugendtreff im PIHaus, da waren wir
sehr häufig. Auch im Park. Im PI-Haus gab es verschiedene Ausstellungen
und da haben wir uns gedacht, wir nutzen diese kleine Chance.
FbÄ: Ach, Freibergs dichtende Jugend im Albert-Park! Die
bürgerliche Öffentlichkeit hat doch eine ganz andere Wahrnehmung
von den Park-Kids: Kiffer, Alkies usw. ...!
Claudia: Nöö! Das ist ja das Defizit, was von der Gesellschaft
geboten wird und was sich so auswirkt, dass die Leute nichts zu tun haben
und in keinerlei Hinsicht gefördert werden und das ist das Endresultat,
dass sie dann einfach da sitzen und leider ihre Fähigkeiten im Alkohol
ertränken.
FbÄ: Ist das wirklich so oder ist dies nur das Vorurteil,
was die bürgerliche Öffentlichkeit in Freiberg ständig
reproduziert?
Claudia: Einige Jugendliche haben natürlich mehr Kompetenzen,
aber nicht die Möglichkeit sich anders auszudrücken. Der Zusammenschluss
der Leute ist ein wichtiger Halt für sie. Das war bei uns auch so.
Leute, mit denen man auf einer Wellenlänge lag und sich ein Stück
weit ausgegrenzt hat, mit denen man eine schöne Zeit verbracht hat.
Man hat oft gemerkt, dass mehr in den Leuten steckt als nur den ganzen
Tag zu saufen und zu kiffen.
FbÄ: Du bist dann zum Leiter des PI-Haus gegangen und hast
gefragt, ob Du eine Ausstellung machen darfst?
Claudia: Na, es waren mehr die Mitarbeiter, die Silke zum Beispiel,
die fanden das gut. Wir haben uns dann beim Jugendkunstpreis in Leipzig
beworben. aber wir waren dort nur Teilnehmer.
FbÄ: Die Ausstellung hat einen programmatischen Titel:
Öffnet Eure Augen! Wen willst Du damit ansprechen?
Claudia: Alle! Die Ausstellung soll auch das Miteinander fördern.
Ich habe so den Eindruck, dass jeder so vor sich hin macht. Alleine! Man
kümmert sich nicht so richtig!
FbÄ: Aber es sind doch gerade die Jugendlichen, die sich
engagieren. Selbst bei dem Tod eines alten Tattergreises, wie dem Papst,
kamen überwiegend junge Menschen.
Claudia: Man ist sich fremd, obwohl ganz viele Leute da sind. Bei
meinen Arbeiten geht es schon darum, negative Entwicklungen aufzugreifen
wie z.B. Faschismus.
FbÄ: Aber auch dort sind überwiegend Jugendliche sehr
engagiert. Mit welchen Gefühlen sollen denn die BesucherInnen aus
deiner Ausstellung heraus gehen?
Claudia: Mit einem gemischten, aber auch irgendwie wachgerütteltem
Gefühl. Ich würde mir wünschen, dass sich einige Menschen
angesprochen und sich verbunden fühlen und mit ihren Gedanken nicht
alleine bleiben, wenn sie erkennen, dass es da jemand gibt, die ähnlich
wie sie denkt.
FbÄ: Nun, du hast Collagen gemacht, aus vielen kleinen
Textschnipseln ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Wortspiele erkenne ich,
Wörter, die du hervorhebst wie "schweigen" zum Beispiel.
Hast Du literarische Vorbilder?
Claudia: Nicht direkt.
FbÄ: Brecht, Bachmann...
Claudia: Hesse und HipHop haben mich inspiriert, aber ich habe
da meinen eigenen Weg gefunden.
FbÄ: Der Sprechgesang des HipHop?
Claudia: Es gibt da verschiedene Richtungen. HipHop hat mich im
allgemeinen vom Style her angeregt. Ich sitze an meinem Fensterbrett,
manchmal auch auf dem Fensterbrett, höre Musik.
FbÄ: Du kannst beim Hören von HipHop schreiben?
Claudia: Doch! Mir helfen die Beats. Ganz einfach die Musik, um
in das Gefühl des Schreibens zu kommen.
FbÄ: Was ist für dich das schönste Gedicht in
der Ausstellung hier?
Claudia: Das mit dem Titel "Leben". Das ist ein schönes,
positives, aufbauendes Gedicht. Da wird halt ausgesagt, dass du einfach
den Glauben an dich selbst haben solltest und die Kraft in dir nutzen
solltest, um deine Ziele zu erreichen.
FbÄ: Also ein wenig idealistisch! Hesse?
Claudia: Na ja...auch.
FbÄ: Das hatten wir schon mal, nach der letzten "Hesse-Welle"
in den 60ern folgten Jahre der Revolte...
Claudia: Das wäre schon gut, wenn die Leute was machen würden.
FbÄ: Wo würde man dich finden, auf der Straße
oder am Fensterbrett, die neue Revolte beschreibend?
Claudia: Ich wäre schon mit dabei...
FbÄ: Also willst du mit deiner Literatur eingreifen, nicht
nur Wirklichkeiten abbilden.
Claudia: Ja, auf jeden Fall!
[ Die Ausstellung läuft noch bis Mitte Mai im BrennPunkt
in Brand-Erbisdorf! ]
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