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fbÄ #43 - Artikel #1 - - - märz 2005
Freiberger Neonazi düpiert Dresden


Alexander Kleber, rechts

[fbÄ; ray] Auf dem Dresdner Altmarkt am Sonntag, den 13. Februar, war es weithin in leuchtender Kerzenschrift zu lesen. "Diese Stadt hat Nazis satt!" Der gebürtige Freiberger, Alexander Kleber, kann sich rühmen, einen der größten Nazi-Aufmärsche nach 1945 angemeldet zu haben. Das Gedenkjahr der Neonazis begann mit einem Aufmarsch in Magdeburg am 15. Januar. Magdeburg sollte zum fulminanten Anfang für ein Gedenkjahr nach dem Geschmack der NPD werden, weitere Aufmärsche in Dresden, am 8. Mai in Berlin und schließlich im August in Wunsiedel den Rahmen für Erfolge bei den Landtagswahlen in Schleswig- Holstein und in Nordrheinwestfalen bilden. Magdeburg wurde zum Desaster, in Schleswig- Holstein blieb die NPD unter 2 Prozent und in Dresden verkam einer der größten Nazi-Aufmärsche nach 1945 zum 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens zur billigen Propagandashow. Dresden (zivile Bombenopfer) ist neben Wunsiedel (Opfer Nazifunktionär Hess) und Halbe (Opfer Wehrmachtssoldaten) zur zentralen Opferkultstätte der Neonazis geworden. Das Prozedere ist seit Jahren bekannt: Politprominenz aus Sachsen - diesmal vertreten durch den Ministerpräsidenten Milbradt (CDU), dem Dresdner Oberbürgermeister Rossberg (FDP) und dem Landtagspräsident Iltgen (CDU) – folgen die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs morgens auf den Heidefriedhof, auf dem nach der Bombardierung am 13. und 14. Februar 1945 etwa 20 Tausend Tote beerdigt wurden. In gebührendem Abstand schließen sich vereinzelte BürgerInnen der „offiziellen Trauergemeinde“ an, danach marschieren die Neonazis, in diesem Jahr die sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Petzold, Menzel, Müller und Paul vorne weg und etwa 50 weitere Neonazis, die vom einschlägig vorbestraften Rechtsterroristen Börm in Reihen aufgestellt wurden, darunter auch eine Abordnung von Brandenburger DVU-Landtagsabgeordneten. Manche von ihnen tragen Kränze wie Schilde vor sich her. Auf der Schleife der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen steht: „Phosphor, Napalm, Sprengbomben. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Dass der Name eines der bedeutendsten Exil-Schriftstellers darauf falsch geschrieben wird, ein kleines Zeichen der Dummheit, die sich mit Dreistigkeit paart, wenn sich Neonazis mit Federn von Menschen schmücken, deren Werke ihre historischen Vorbilder auf den Scheiterhaufen verbrannten. Die Entwürdigung politischer Gegner gehört zu den Mosaiksteinen der neofaschistischen Kampagne, mit der die Angriffe alliierter Bomber auf die sächsische Stadt zum „Völkermord“ uminterpretiert und mit dem Holocaust auf eine Stufe gestellt werden.

Am Landtag in Dresden

Dumpfe Klänge aus Carl Orffs Carmina Burana, mit denen schon die „Neue Front“ Videos der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) Mitte der 80er Jahre musikalisch untermalt wurden und bedeutungsschwere Töne aus Richard Wagners „Meistersinger“ und Beethovens „Eroica“. Der Geräuschkulisse der Neonazis konnte sich in der Dresdner Altstadt niemand entziehen und so richtig passten die Töne auch nicht zu dem Spektakel, das in unmittelbarer Nähe des sächsischen Landtags stattfand. Die Gesichter der überwiegend jugendlichen Marschierer zeigten deutlich, dass die wenigsten von ihnen verstanden, was mit der Musik bezweckt werden sollte: Nazi goes classic und gibt sich bourgeois. Die Theatralisierung der Politik, die schon die Nationalsozialisten meisterlich beherrschten und die von Bertolt Brecht im Messingkauf haarklein analysiert und gedeutet wurde, war das bestimmende Element der Nazi-Trauer- Show 2005.


Kleber mit NPD-Parteichef Udo Voigt
Dazu passend auch die Zuschauerkulisse, die gemäß des Ausdrucks von Brecht mehr „stierte“ als aktiv etwas gegen die Neonazis zu tun. Geschichte wiederholt sich nicht und so erscheinen die Charaktermasken im Nadelstreifen Schirmherr Holger Apfel (NPD), Anmelder Alexander Kleber (JLO), der Multimillionär Dr. Gerhard Frey (DVU), der Ex-Hauptmann der Bundeswehr und NPD-Parteichef Udo Voigt eher lächerlich. Wer beim Trauern hämisch grinst, ist unglaubwürdig. Wie in Brechts Stücken umgaben sich die Obernazis mit Body-Guards, deren kriminelle Energie längst aktenkundig ist. Die christliche Symbolik, Kreuze mit den Namen von Hiroshima, Bagdad, Vietnam und Dresden, ein faux pas. Weder Japaner, noch Iraker bestatten ihre Toten nach christlichem Ritual. Die Vasallen spielten die „Freien Kameradschaften“, deren „Führer“ nicht einmal ein Grußwort sprechen durften. Das übernahm stellvertretend der „Hofnarr“ Frank Rennicke, dessen Geschrei in die Mikrofone kaum verständlich war bis auf den einen Satz „Bomber Harris, do it again!“ Für seinen Sing-Sang „Deutschland, Deutschland über alles und das Reich...“, erhielt er den meisten Applaus an diesem Tag. Gerade von den "KameradInnen" aus Freiberg.

Die Mission der Neonazis war nur allzu deutlich: Relativierung der Kriegsverbrechen deutscher Faschisten, Ex-REPublikaner Chef und bekennender Waffen SS-ler, Schönhuber, verglich deutsche KZ-Aufseher mit alliierten Bomberpiloten, den Traum vom großdeutschen Reich öffentlich zum Ausdruck bringen, das erledigten Rennicke und die zwei Dutzend Fahnenträger, auf deren schwarze Fahnen Städtenamen wie „Königsberg“, „Breslau“, „Danzig“ usw. standen, der Judenhass wurde nur dürftig kaschiert durch Antiamerikanismus und einem Transparent, auf dem gegen Friedmann gehetzt wurde. Die tatsächliche Botschaft brachten die kurzgeschorenen TrägerInnen eines Transparents herüber, auf dem zu lesen war: „Mord verjährt nicht! Einst kommt der Tag der Rache!“ Über studierte AntifaschistInnen mit den Nationalflaggen der USA, Großbritanniens und Israels, über AnsteckerInnen von „Weißen Rosen“ aus Plastik, in Sebnitz über Nacht massenhaft produziert, Demonstrationen, die weit ab vom Nazi-Aufmarsch-Platz und zeitlich dazu verschoben stattfanden sowie Tausenden von Tee- und Grablichtern entzündenden Menschen und hastig an der Front des Landtags platzierten Transparenten mit grundgesetzlichen Selbstverständlichkeiten wie die Würde des Menschen sei unantastbar, muss kein weiteres Wort geschrieben werden. Das kann niemand besser, als Bertolt Brecht es getan hat. In seinem Sinne zu handeln, hieße zunächst den Aufmarsch der Neonazis am 8. Mai in Berlin zu verhindern. Den Tag der Befreiung vom Nazijoch wollen Neonazis wie der Freiberger Alexander Kleber (27) durch einen "Opfergedenktag" am 13. Februar ersetzen. Für ihn ist - nachzulesen in einem Interview in der "National Zeitung" des Dr. Frey - die Bombardierung Dresdens ein singuläres Verbrechen, über dessen Ursache Kleber nicht zu reflektieren gedenkt.

Antifaproteste
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