akt.ausgabe archiv infotexte forum impressum ![]()
|
FreibÄrger | |
| | akt. ausgabe | archiv | infotxt | forum | impressum | | ||
| fbÄ #42 - Artikel #1 - - - jan 2005 |
||
|
Wie Sachsen die Neonazis fördert
Nach dem Einzug in den sächsischen Landtag läuft bei der NPD fast alles wie geschmiert. Bei verschiedenen Abstimmungen im Landtag erhielt die NPD mehr Stimmen als sie Abgeordnete hat. Beim Ausbau der Parteibasis erzielt die NPD offenkundig zu aller erst Erfolge in der Braunzone des sächsischen Landtags. Besorgte Bürger-Innen müssen den Eindruck gewinnen, dass die Neo-Nazis alles machen dürfen, was sie wollen. Finden sich mal 1000 junge Leute, um gegen die Strukturen der Neonazis öffentlich zu demonstrieren, so wird alles getan, um die jungen Leute zu kriminalisieren, wie das Beispiel Pirna am 27. November gezeigt hat. Während die antifaschistisch eingestellten jungen Leute unter starker Polizeikesselung sich gerade einmal um die eigene Achse drehen durften, konnten die Neonazis von den eigentlich verbotenen "Skinheads Sächsische Schweiz" sich größtenteils ungehindert in Pirna tummeln. Der folgende Artikel zeigt bedenkliche Entwicklungen, denen längst mit demokratischem Engagement hätte begegnet werden müssen. Beim Tag der Sachsen in Sebnitz (2003) flüchtete der Innenminister Horst Rasch (CDU) vor einer Meute Neonazis unter Führung von Holger Apfel aus seiner eigenen Informationsveranstaltung über Rechtsextreme, am Wahlabend 19. September 2004 tauchte der Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) vor Holger Apfel unter laufenden Kameras weg. Die CDU scheint der NPD beständig auszuweichen, obwohl die wenigen exponierten Politikwissenschaftler, die Sachsen aufzubieten hat, wie Werner Patzelt (TU Dresden) und Eckard Jesse (TU Chemnitz) beständig raten, die CDU solle so werden wie die NPD, dann könne sie den Neonazis die verlorenen Stimmen wieder abnehmen. Neuerdings will die CDU-Führung sogar die Neonazis bekämpfen und in einer, von den meisten Abgeordneten beklatschten Rede, hat der Ministerpräsident den NPD-Spitzenkandidaten mit Joseph Goebbels verglichen. Große Kämpfer brauchen ebensolche Gegner! Die Dialektik des Seins weist aber auch auf Orte hin, an denen CDU-ler, Neonazis und rechtsradikale Intellektuelle nicht voreinander weglaufen. CDU-FDP-Connections nach ganz rechts Publizistisch reichen sich Nazis und CDU sowie FDP-Abgeordnete des sächsischen Landtags längst die Hand und zwar im faschistoiden Wochenblatt Junge Freiheit des Dieter Stein. Was mag der schlichte Angestellte beim Verfassungsschutz in NRW denken, wenn er bei einer Abhöraktion plötzlich die Stimmen von Stein und Steffen Heitmann sich miteinander vermengen hört? Auf der Liste der Interviewpartner der Jungen Freiheit stehen die Namen von Fritz Hähle (CDU), Dr. Michael Luther (CDU-MdB), Holger Zastrow (FDP) und Ludwig Martin Rade (FDP). Auf der Autorenliste werden der CDU-Abgeordnete Steffen Heitmann, der FDP-Abgeordnete Tino Günther und der aus dem sächsischen Landtag ausgeschiedene Volker Schimpff (CDU) sowie der sächsische CDUBundestagabgeordnete Henry Nitzsche geführt. Die Berliner Wochenzeitung JF ist einer um Intellektualisierung bemühten geistigen Strömung innerhalb des Rechtsextremismus zuzurechnen, heißt es lapidar im VS-Bericht aus NRW. Wo strömen all die sächsischen Landtagsabgeordneten bloß hin? Die Grenzen sind schon lange fließend. Und im neuen Landtag darf jetzt auch Neonazi Karl Richter herum laufen, der in dem NPDOrgan Deutsche Stimme den Wahlerfolg der Partei bei den sächsischen Landtagswahlen mit dem Satz Heute Sachsen, morgen Deutschland kommentierte. Richter war Redakteur der Jungen Freiheit - und ist heute Mitarbeiter der NPD-Fraktion. Nazi-Hetze im sächsischen LandtagWogegen sich ihre Politik in erster Linie richtet, machten die NPD-ler schnell deutlich. Bei der Wahl der Ausländerbeauftragten, stellten die Neonazis einen eigenen Kandidaten mit dem Hinweis auf, dass der als einzige Aufgabe die Rückkehr der Ausländer in ihre Geburtsländer zu bewerkstelligen habe. Ausländerfeindlichkeit bis zum vernichtenden Rassismus im sächsischen Landtag. Natürlich geraten auch AntifaschistInnen ins Visier der NPD. Zur Demo Schöner leben ohne Naziläden stellten NPD-ler am 10. Dezember fünf kleine Anfragen an die Landesregierung mit dem Ziel die AntifaschistInnen zu diskreditieren und kriminalisieren zu lassen. Auf den Antrag der PDS um Förderung antifaschistischer Kultur reagierte der NPDler und ehemalige Burschenschaftler Jürgen Gansel am selben Tag mit einer Hasstirade auf die PDS und ihre Mitglieder. Gansel versuchte zunächst den Brückenschlag zur CDU: Die hier von der PDS geforderte Rechtsextremismus - Bekämpfung und hier sollten insbesondere die Kollegen von der CDUFraktion aufmerksam zuhören: - ist ein uralter Taschenspielertrick aus der 'antifaschistischen' Mottenkiste." Eine finanzielle Unterstützung von AntifaschistInnen und Antirassisten lehnte der Neonazi kategorisch ab. Seine Begründung für die Ablehnung mündete in eine Lobeshymne an die Jugend, bei der Gansel sein zukünftiges Wählerpotenzial vermutet: Gerade die Jugend weiß doch, daß Rechts ein Synonym für gesunden Menschenverstand ist. (...) Die Jugend geht dahin, wo das Leben ist, dahin, wo eine junge Erneuerungsbewegung für ihre Lebensinteressen ficht und das ist bei der NPD. Zynisch charakterisierte der Neonazi die PDS als Altenpartei, wohlweislich verschweigend, dass er und seine Nazikameraden einen regelrechten Kult um Alt-Nazis betreiben. Gansel, scheinheilig und verlogen: Und jetzt einmal Hand aufs Herz, meine Herrschaften von der SED Verzeihung: PDS -: was soll die Jugend bei einer Partei, deren 16.000 sächsische Mitglieder das Durchschnittsalter von 68 Jahren haben, in der es genauso viele Mitglieder unter 35 wie über 90 Jahre gibt? Da hilft es auch nicht, ein paar junge Gesichter in die erste Reihe zu stellen. Die PDS ist eine steinalte Partei, der die Altgenossen wie die Fliegen wegsterben. Deshalb auch der aufgeregte Ruf nach steuerfinanzierten Umerziehungsprogrammen, um wenigstens noch ein paar junge Kiffer und haltlose Schlägertypen an sich binden zu können. Gesponserte Nazi-Events Schlägertypen konnte mensch am 19. Dezember im Chemnitzer Werk 4 bei einer Kampfsportveranstaltung unter dem Titel Fight Club zur Genüge beobachten. Etwa 800 Gäste versammelten sich dort: fast neunzig Prozent Angehörige der rechtsradikalen Szene. Schon die Werbung für die Veranstaltung deutete auf ein Event der Neonaziszene hin. In Anzeigen, auf Flyern und Plakaten, die für die Veranstaltung warben, posierte Enrico Malt, der im Frühling 2004 als Organisator eines Neonazikonzerts mit der Band Blitzkrieg im Chemnitzer Technoclub 8. Mai auftrat. Während der Veranstaltung Fight Club in Chemnitz kam es zu rassistischen, antisemitischen und weiteren nazistischen Sprüchen. Rufe wie Ostdeutschland-Naziland!, Sieg Heil! oder Hoonara! erklangen immer dann, wenn die Chemnitzer Mannschaft den Ring betrat. Der Begriff Hoonara kennzeichnet eine Verbindung aus selbsternannten Hooligans, Nazis und Rassisten aus dem Fankreis des Chemnitzer Fußballclubs. Gesponsert wurde die Chemnitzer Veranstaltung zum Beispiel vom Naziladen Backstreetnoise, dessen Betreiber ebenfalls an der Organisation des Nazikonzerts im 8.Mai beteiligt war. Ein weiterer, auch nicht ganz unbekannter Sponsor war der Last Resort Shop aus Zwickau, ein Laden in dem auch schon mal Nazi-Klamotten und Propaganda vertrieben wurden. Erstaunlich, dass auch regionale Unternehmen wie die Volksbank Chemnitz eG, das Dorint Parkhotel Chemnitz und Radio Chemnitz die Veranstaltung durch Werbung finanziell unterstützten. Unter den Zuschauern waren Nazis aus der Sächsischen Schweiz sowie aus Dresden und Chemnitz. Am 27. Februar 2005 wird in Zwickau die dritte Veranstaltung dieser Art stattfinden. Nazi-Läden werden hofiert Freie Presse und Wochenspiegel bewerben den Laden, der die Freiberger Jugend mit Nazi-Utensilien versorgt und scheuen auch nicht davor zurück, ein strafbewehrtes Logo in ihren Zeitungen abzudrucken. Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass der Waffen-Army-Shop am Schlossplatz keinen Hehl daraus macht, dass er auch Nazi-Stuff verkauft, wird er in einem Promotion-Artikel der Freien Presse und des Wochenspiegel als harmloser Klamotten-Laden dargestellt. Waffen-Army-Shoes bietet warme und strapazierfähige Kleidung und vieles mehr an, lautet die Unterzeile in der Freiberger Zeitung vom 26. November, der Werbebeilage zur Freien Presse. Das Logo von Thor Steinar ist wegen Verfassungsfeindlichkeit schon verboten, als die Freiberger Zeitung und der Wochenspiegel munter los texten: Inhaber Tobias Schneider hat neben der ganz besonderen Bekleidung auch außergewöhnlichen Schmuck, Piercing in Plastik, Stahl, Titan, Neon bis hin zu Gold sind ebenfalls Geschenkideen für das Weihnachtsfest. Böse Absicht oder dumme Geschäftemacherei? Während der Ladenbesitzer polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt ist, geht Freibergs Lokalpresse offensichtlich ungestraft aus diesem Skandal hervor.Bürgerliche Kneipen unterstützen Nazis Der Pächter vom Brauhof macht keinen großen Unterschied zwischen Nazi-Parteien und den anderen bürgerlichen Parteien. Ihm sind sozusagen alle Kunden recht. Dass er Neonazis für deren Propagandazwecke seine Räume und Dienste anbietet, gehört zum Geschäft und da zählt nur der Profit und nicht die Tatsache, dass mit so einem Geschäftsgebaren Neonazis mit ihrer verbrecherischen Ideologie die wirklichen Nutznießer sind. Am 28. November gründeten Neonazis im Freiberger Brauhof die Jungen Nationaldemokraten (JN)- Stützpunkt Freiberg. Zum Vorsitzenden wurde Steve Weißbach aus Lichtenberg ernannt. Der Gründungsveranstaltung wohnten die JNBundesvorständler, Stefan Rochow, Alexander Neidlein, das Kreisratsmitglied Sandro Kempe und der Kreisvorsitzende der NPD, Uwe Schiffler, bei. Der 30jährige vorbestrafte Neidlein wurde bundesweit bekannt, weil er sich 1993 in Bosnien an der Seite der HOS-Miliz des kroatischen Faschisten Doborslav Paraga mehrere Monate im Bürgerkriegsgebiet als Söldner verdingte, Kontakte zu einer rechtsextremen Söldnertruppe um Horst Klenz aufnahm, der 1989 an einen Bombenanschlag auf das Büro der Vereinten Nationen in Outjo mit Todesfolge beteiligt war. Seinen Südafrika-Trip finanzierte sich Neidlein durch einen Überfall auf ein Lübecker Postamt. Nicht gegen Neonazis, aber gegen AntifaschistInnen vermag der Pächter des Brauhofs, Uwe Schäfer, aktiv zu werden. Sein Versuch, die Macher-Innen von Flyern, die zum Boykott des Brauhofs aufriefen, strafrechtlich zu belangen, scheiterte an der Staatsanwaltschaft Chemnitz, die das Verfahren einstellte. Was kann mensch tun? Auf einem Fachforum in der Alten Mensa diskutierten am 21. Oktober in erster Linie SozialarbeiterInnen das Problem mit rechten Jugendlichen nach der Landtagswahl. Die Quintessenz der Veranstaltung: Die SozialarbeiterInnen benötigen sichere Arbeitsverträge! Wenn die Sozialarbeiter selber keine Perspektive für die Zukunft haben, können sie auch den Jugendlichen keine vermitteln und orientierungslose Jugendliche gehören zur Klientel von Neonazis. Professor Uwe Hirschfeld (Evangelische FH für Sozialarbeit Dresden) hielt das Eingangsreferat zum Thema Entwicklung rechtsextremistischer Tendenzen bei Jugendlichen, in dem er auch auf die akzeptierende Jugendarbeit einging, die in Freiberg praktiziert wurde. Professor Hirschfeld sah diese Form des Umgangs mit rechten Jugendlichen als gescheitert an. Eine Erkenntnis, die der FreibÄrger schon vor Jahren publizierte und wofür er heftig angefeindet wurde. Am Schluss der Fachtagung konnte, wer wollte, seine Wunschvorstellung für die Zukunft formulieren. Niemand der Anwesenden forderte eine Begegnungsstätte für Jugendliche und junge Erwachsene, die als Erstwähler einen Teil zum Erfolg der NPD beigetragen haben sollen. Freiberg und andere Städte brauchen eine Jugendpolitik, die diesem Namen auch gerecht wird. Freiberg benötigt ein Jugendhaus, das die jungen Menschen in Eigenverantwortung führen können und in dem kein Raum für antisemitisches, rassistisches, neonazistisches und sexistisches Gedankengut und Handeln ist. |
||
| | printable | prev | top | next | |