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Kleinkrieg auf dem Freiberger Wohnungsmarkt
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In Freiberg ist wie in anderen vergleichbaren Städten in den neuen
Bundesländern das Angebot an saniertem vermietbarem Wohnraum größer
als die Nachfrage. In Zeiten sinkender Massenkaufkraft durch Arbeitslosigkeit,
Sozialkürzungen und Senkung des Reallohns ist das kein Wunder. Darüber
hinaus ist die Bevölkerungsentwicklung in Freiberg durch Fortgang
insbesondere von jungen Menschen rückläufig. Unter diesen Bedingungen
hat sich der Wettbewerb unter den Anbietern verschärft. Im Sommer
ist ein offener Kampf gegen die Monopolstellung der Städtischen
Wohnungsgesellschaft (SWG) auf dem Freiberger Wohnungsmarkt ausgebrochen,
der skurrile Züge angenommen hat. Leidtragende werden die einfachen
Bürger-Innen Freibergs sein, auf die höhere Belastungen zukommen,
wenn es zu einem Einbruch auf dem Wohnungsmarkt kommen sollte. Schon bald
nach der Wende boten sich auch den Kommunen im Osten bislang ungeahnte
Möglichkeiten, an Geld zu kommen und Geld auszugeben. Nehmen wir
den Fall des Finanzmaklers Hans-Jürgen Koch, der zwischen 1985 und
2000 mehr als 350 Gemeinden, Städten und Landkreisen mit einem Schneeballsystem
Darlehensverträge vermittelte und die jeweiligen Vertragspartner
getäuscht hatte. Koch brachte Kommunen, die Geld brauchten, mit Kommunen
zusammen, die Geld anlegen wollten, gegen Provision natürlich, trotzdem
zu Zinssätzen, die keine Bank unterbieten konnte. Die inzwischen
als illegal eingestuften Geschäfte mit dem Geld der Steuerzahler-Innen
gehören zu den größten finanzpolitischen Skandalen der
Nachkriegszeit. Die Stadt Freiberg soll auch in Kontakt mit dem Kreditbetrüger
gestanden haben, der inzwischen in Namibia, wo er eine Jagdfarm besitzt,
auf seine Auslieferung wartet.
Von unten werden wir gewählt
und von unten kommt das Geld! (Landrat Uhlig, Wochenspiegel 16.
Juli 2003)
Im Jahre 2001 musste die Stadt ihrer Nachschusspflicht als
Gesellschafterin der Stadtbau GmbH nachkommen. Damals verhandelte
die Oberbürgermeisterin mit der Kommunalen Entwicklungs- und
Wohnungsbaugesellschaft mbH (KEWOG) aus Tirschenreuth um deren Austritt
aus dem gemeinsam geführten Unternehmen. Der Preis dafür: die
Stadt verpflichtete sich, die Konsolidierungskosten der Stadtbau von ca.
zwei Millionen DM zu übernehmen, die KEWOG und der Ex- Geschäftsführer
Helmut Heinl wurden von der Haftung für die Stadtbau freigestellt.
Zudem kaufte die Stadt den Bayern das Haus in der Borngasse 6 für
900.000 Mark ab. Im Gegenzug übernahm die SWG die Anteile der KEWOG
an der Stadtbau in Höhe von 26 Prozent. Oberbürgermeisterin
Uta Rensch (SPD) verteidigte die kostenintensive Trennung mit dem Hinweis,
dass der Freiberger Stadtrat in geheimer Abstimmung mit großer Mehrheit
zugestimmt habe. Der nächste Griff nach dem Geld der Bürger-
Innen hängt mit einem Vertragswerk zusammen, das die kommunalen Wohnungsunternehmen
der beiden Partnerstädte Freiberg und Darmstadt 1996 abschlossen.
Die Darmstädter Bauverein AG kaufte für umgerechnet ca. 15 Millionen
Euro 930 Wohnungen im Freiberger Neubaugebiet Friedeburg, die sie teilsanierte.
Das klingt nach Aufbauhilfe Ost, aber ist in Wirklichkeit ein Geschäft,
denn die Wohnungen müssen laut Vertrag im Jahre 2006 für etwa
60 Millionen Euro zurückgekauft werden. Die SWG verfügt aber
nicht über Rücklagen, die ihr einen solchen Rückkauf ermöglicht.
Um einer drohenden Zahlungsunfähigkeit der SWG zuvorzukommen, hat
die Oberbürgermeisterin öffentlich erklärt, dass die Stadt
einen Teil des Geldes aufbringen will. Diese Entscheidung hat sie ohne
Rückendeckung durch den Stadtrat getroffen und damit einige Ratsherren
verprellt. Insbesondere die vier Abgeordneten der Fraktion Haus
& Grund, gediegene Repräsentanten des Freiberger Mittelstands,
haben sich über das Vorgehen von Dr. Uta Rensch (SPD) mokiert und
eine Unterschriftensammlung gestartet, um über eine Art Bürgerbegehren,
die Stadtverwaltung daran zu hindern, Steuermittel der Freiberger Bürger-Innen
für diesen Zweck zu gebrauchen. Der Stadtratsfraktion der PDS ist
aufgefallen, dass ein Bürgerbegehren zwar viel Staub aufwirbelt und
einige Bewohner-Innen politisiert, aber das Problem damit nicht aus der
Welt geschafft ist. Die PDS fordert von den verantwortlichen PolitikerInnen,
Konsequenzen zu ziehen. Damit können nur die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses
aktiven Aufsichtsratsmitglieder der SWG gemeint sein, nämlich Konrad
Heinze, Peter Sanftenberg, Arnd Böttcher. Die Freie Presse
konzentrierte sich auf den amtierenden Finanzbürgermeister Böttcher,
obwohl Heinze und Sanftenberg als ordentliche Mitglieder des Kreistags
immer noch öffentliche Ämter bekleiden. Böttcher hat sich
mit Bezug auf eigene gute Taten für die Stadtentwicklung gegen die
Rücktrittsbegehren gestellt.
Bauverein AG und SWG - Profit am Bau!
Die Bauverein AG Darmstadt wurde am 6. Oktober 1864 gegründet. Hauptaktionärin
ist die Stadt Darmstadt. Im Aufsichtsrat sitzen VertreterInnen von der
CDU, Bündnis90/Die Grünen und der SPD. Bis zum Sommer
2008 nehmen folgende Personen den Aufsichtposten wahr und wären potentielle
Ansprechpartner. Oberbürgermeister Peter Benz als Vorsitzender, die
Stadträte Bernd Ellwanger; Bärbel Schmidt, Dieter Balzer, die
Stadtverordneten Rita Beller, Klaus von Prümmer; Klaus Feuchtinger
sowie die Grünen-Politikerin und Rechtsanwältin, Iris Behr,
als Arbeitnehmervertreter sitzen Norbert Heger (Stellv. Vorsitzender),
Reinhard Laux, Detlef Schindler und Günther Schmitzer im Aufsichtsrat.
Die Städtische Wohnungsgesellschaft (SWG) wurde im Juni
1992 auf Beschluss des Stadtrats mit einem Stammkapital von 125 Millionen
DM in Freiberg gegründet. Die Stadt Freiberg hat als 100prozentige
Gesellschafterin die kommunalen Wohnungsbestände der SWG übertragen.
Am Anfang betreute die SWG mit ca. 300 Beschäftigten fast 13 Tsd.
Wohnungen und 300 Gewerbeobjekte. Seit ihrem Bestehen hat die SWG über
125 Millionen Euro auf dem Freiberger Immobilienmarkt getätigt und
hat dort eine Monopolstellung inne. Heute kümmern sich rund 45 Mitarbeiter-Innen
um 7000 Wohnungen und ca. 80 Gewerbeobjekte. Geschäftsführer
der SWG ist Friedrich Hermann, der Anfang des Jahres in die Schlagzeilen
der Freien Presse geriet, weil er seinen Posten bei der SWG
aufgeben und nach Dresden wechseln wollte. Der Aufsichtsrat setzt sich
wie folgt zusammen: Dr. Rüdiger Schwarze (Vorsitzender, SPD), Annette
Licht (stv. Vorsitzende, CDU), Dr. Arnd Böttcher (SPD), Dr. Ruth
Kretzer-Braun (PDS), Matthias Girbig (CDU, als Vertreter der Oberbürgemeisterin)
und als nicht stimmberechtigtes Mitglied Rainer Bruha (Baudezernent, hier
als sachkundiger Bürger).Schenkt man den Hochglanzbroschüren
der SWG Glauben, ist die SWG ein gesundes, aufstrebendes Unternehmen,
das es sich sogar leisten kann, sozialund kulturpolitische Aktivitäten
in Freiberg zu sponsern. Kaum ein Verein, der nicht irgendwie von der
SWG gefördert wurde. Die SWG listet in ihrer durch und durch positiven
Geschäftsbilanz 2002 ihr Engagement bei Vereinen auf: Aktion Freiberger
on Tour, Aktion 1. Girls-Day-Mädchen- Zukunftstag,
Aktion Unterwegs im Auftrag der Jugend, Aktion Wir bleiben
hier! Wettbewerb um die besten Ideen für die Zukunft
der Jugend in Sachsen, Autorengemeinschaft Wort e.V., Bergstädtischer
Sportclub Freiberg (BSC), Förderverein Pro Freiberg,
Freiberger Immobilien Forum, Fremdenverkehrsverein Freiberg
e.V., Gottfried- Silbermann-Gesellschaft e.V., Handballspielgemeinschaft
Freiberg e.V. (HSG), Opfer der Hochwasserkatastrophe 2002, Projekte des
CJD Chemnitz, Geschäftsstelle Freiberg, Stadttheater Freiberg, TU
Bergakademie Freiberg, Verein Nadesha- Hoffnung e.V., Verein
Lichtpunkt e.V. und Verein Regenbogenhaus e.V..
Die Gesellschaftsbilanz 2002, ein Bilderbuch des Erfolgs, ist unredlich;
denn in Wirklichkeit sieht die Geschäftsbilanz der SWG nicht gut
aus. Im Gegenteil, lässt man das Wunschdenken des Geschäftsführers
Hermann einmal außen vor, dann muss das Unternehmen SWG zugestehen,
dass die letzten Geschäftsjahre mit Verlusten operiert werden musste,
im Geschäftsjahr 1999 wurde mit einem Jahresfehlbetrag von 50, 229
Mio. DM abgeschlossen. Beschämend sind auch die Angaben der Geschäftsleitung
über den Abbau von Arbeitsplätzen und das scheinheilige Lob
der verbliebenen Arbeitskräfte, die sogar am Wochenende unentgeltlich
für das Unternehmen arbeiten. Das ist purster Manchesterkapitalismus
und menschenfeindlich. Hinter der glänzenden Fassade steckt offensichtlich
ein maroder Putz. Für die Lösung der auf die Bürger-Innen
der Stadt Freiberg zukommenden finanziellen Belastung werden im Augenblick
verschiedene Varianten öffentlich angesprochen.
Aber ohne Geld werden wir nichts bewegen können. (Finanzbürgermeister
Dr. Arnd Böttcher, Amtsblatt 13. August 2003)
Über kostenaufwendige Rechtsgutachten, eigentlich sollte man vor
einem Vertragsabschluss über das nachdenken, was man zu tun gedenkt,
werden jetzt krampfhaft Lücken im Vertragswerk gesucht. Von der Stadt
Freiberg in Auftrag gegebene Rechtsgutachten kommen zu dem Ergebnis, dass
die Verträge in den Passagen, in denen es um die Rückkaufrechte
geht, null und nichtig seien. Darüber hinaus wird gemutmaßt,
dass die damaligen Geschäftsführer von SWG und Bauverein AG
Subventionsbetrug begangen hätten. Warum wird dann z.B.
Herr Karl Karner , Ex- Geschäftsführer der SWG, nicht öffentlich
zur Rechenschaft gezogen? Schon in der Geschäftsbilanz der Bauverein
AG Darmstadt von 2002 ist deren Position deutlich festgeschrieben. In
der Bilanzschrift heißt es wörtlich: Die Gesellschaft
hat eine Rücknahmeverpflichtung von 552 Wohnungen zum 31. 12. 2006
der Objekte der BVD Immobilien GmbH & Co. KG Friedeburg. Im Gegenzug
besteht eine Rücknahmeverpflichtung der Städtischen Wohnungsgesellschaft
Freiberg (Sa.) (SWG) gegenüber der Bauverein AG. Die Bauverein AG
wird das Andienungsrecht vertragsgemäß gegenüber der SWG
geltend machen. Seitens der SWG wurde die Vorstellung entwickelt, das
Andienungsrecht erst später auszuüben. Eine Möglichkeit,
die Kosten des Rückkaufs zu senken, der aufgrund des Andienungsrechts
verpflichtend ist, sehen die Freiberger darin, die vereinbarte Generalmiete
für alle 930 Wohnungen aus den Jahren 1996 bis 2006 gut 20
Millionen Euro zur Tilgung der Verbindlichkeiten heranzuziehen.
Auch die Vorstellungen über die Laufzeiten der Rückzahlungen
gehen weit auseinander: Während Darmstadt 40 bis 60 Jahre favorisiert,
will Freiberg in 10 20 Jahren von den Lasten befreit sein. Weitere
Streitpunkte sind der mögliche Abschluss eines Erbbaupachtvertrags,
den die Stadt Freiberg favorisiert, während Darmstadt eine gehörige
Abstandszahlung auf die umstrittenen Rückkaufverträge beansprucht.
Eine Variante mit weitreichenden Konsequenzen wäre die Anmeldung
der Insolvenz der SWG. Für den Konkurs-Fall hat Darmstadt aber schon
angekündigt, die Stadt Freiberg auf Schadenersatz zu verklagen. Das
ist der Stand der Verhandlungen zwischen den beiden Partnerstädten
im Sommer. Inzwischen sind auch Vertreter übergeordneter Behörden
wie Staatssekretär Albrecht Buttolo vom sächsischen Innenministerium
und die Rechtsaufsicht aus dem Landratsamt Freiberg an den Verhandlungen
beteiligt. Besonders engagiert gegen die SWG und die Oberbürgermeisterin
Dr. Uta Rensch zeigt sich der gelernte Elektromonteur und Vorsitzender
von Haus und Grund, einem lokalen Zusammenschluss der Haus- und Grundstückseigentümer,
Volker Meutzner. Sein Auftreten legt die Vermutung nahe, dass er über
das Interesse eines Stadtrats hinaus weitere Optionen ins Auge gefasst
hat. Ein Zerfall der SWG käme in erster Linie dem Personenkreis zugute,
der aus der Öffnung des Wohnungsmarktes in Freiberg Profit ziehen
könnte. Mit einem Anstieg der Durchschnittsmieten in Freiberg ist
bei Auflösung der SWG zu rechnen. Seine zum Teil persönlich
geführten Angriffe auf die Oberbürgermeisterin machen deutlich,
dass ihm an der tatsächlichen Aufklärung des SWG/Bauverein AG-Falles
nicht viel gelegen sein kann; denn Dr. Uta Rensch ist für das Vertragswerk
von 1996 nicht verantwortlich zu machen. Da müsste Herr Meutzner
den ehemaligen OB Konrad Heinze (CDU), den ehemaligen Finanzbürgermeister
Peter Sanftenberg (CDU) und Dr. Arnd Böttcher (SPD) in die Verantwortung
nehmen lassen, weil sie im Zeitraum des Vertragsabschlusses Mitglieder
des Aufsichtsrates der SWG waren. Meutzners Getrommel um die Unterschriften
für einen Bürgerentscheid ist reinste Selbstdarstellung und
es ist schon verwunderlich, dass sich die bürgerlichen Medien von
Freie Presse, Wochenspiegel und Darmstädter
Echo, das fleißig von Sabine Ebert bedient wird, auf die Seite von
Meutzner stellen. Inzwischen musste Meutzner sogar zugeben, dass nicht
alle Unterschriften korrekt getätigt wurden. Manch ein(e) Bürger(in)
schrieb dann doch wohl zu unleserlich, mag sein in dem Bewusstsein, nicht
für die richtige Aktion den Namen herzugeben oder weil man durch
das nassforsche Auftreten des Herrn Meutzner eher eingeschüchtert
war. Viele Unterschriften erfolgten in Listen, die bei Mitgliedern von
Haus &Grund auslagen, so dass Meutzner häufig ziemlich
allein an seinem Unterschriftenstand verbrachte. Am Ende kann der Stadtrat
das Begehren mit einfacher Mehrheit ablehnen.
SWG - ein mieses Stück Freiberg?
Immer noch stolz, verweist Friedrich Hermann auf die Gesellschaftsbilanz
des Unternehmens, das sich als 100-prozentige Tochter der Stadt Freiberg
der Förderung des gesellschaftlichen Lebens verschrieben habe. Mit
der Marke SWG ...ein Stück Freiberg verbänden viele
Freiberger nicht nur soliden freundlichen Service und Wohnungen zum Wohlfühlen,
sondern eben auch das Stück Heimat, das die Städtische Wohnungsgesellschaft
in ihrem Namen trage. Bleibt die Frage, wie viel Geld die Bürger-Innen
von Freiberg das alles Wert sein wird. Nach wie vor offen ist, welchen
Anteil die Stadt Freiberg ihren Steuerzahler-Innen an dem Abschluss des
Geschäfts zwischen SWG und Bauverein AG zumuten will. Die Höhe
schwankt zwischen 5 und 40 Millionen Euro. Bei solchen Summen ist auch
zukünftig nicht an eine bessere Jugendpolitik der Stadt zu denken.
Man wird sich an die Personen erinnern müssen, die im Tollhaus
SWG Millionen aus dem Fenster warfen, aber keinen Cent übrig
hatten für Töpferkurse im Pi-Haus, vernünftige Skateranlagen,
selbstverwal-tete Jugendzentren, solide Unterkünfte für Obdachlose,
Hortplätze für Kinder oder gar eine Ampel vor dem Kreiskrankenhaus.
Besonders diejenigen, die später für die finanzpolitischen Fehler
zahlen müssen, sind doppelt benachteiligt, einmal als heutige Objekte
städtischer Sparmaßnahmen und zum anderen als morgige Schuldentilger.
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