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fbÄ #29 - Artikel #2 - - - oktober 2002
Gedanken zum „Tag des Flüchtlings“ am 4. Oktober 2002

[Carmen Rath] „Und bitte, bete für uns, dass schönes Wetter wird“, hatte ich Denis, meinem afrikanischen Freund und Trommler unserer Band, am Telefon noch zugerufen, denn der Wetterbericht hatte eine Kaltfront mit Regen vorausgesagt. „Natürlich, mache ich“, sagte der scherzend, „kannst dich drauf verlassen!“
Am Morgen des 4.Oktobers dann natürlich strömender Regen. „Mist“, denke ich, „dass kann ja lustig werden, grillen bei dem Sauwetter“. Aber gegen Mittag bricht - wie ein Wunder- die graue Wolkendecke auf und die Sonne scheint - bis zum späten Nachmittag, wie bestellt. „Pfundskerl“, denke ich und muss schmunzeln.
Schon am Mittwoch hatten Claudia, Tanja und ich den Kofferraum meines Autos vollgepackt mit Getränken, Süßigkeiten, Bratwürsten und Hähnchen (islamisch) und der Feiertag ließ mir genügend Zeit, das Fleisch vorzubereiten.
„Wenn nur das Wetter hält“, denke ich pausenlos. Claudia und Tanja haben die Schule bereits hinter sich und wollten mit dieser letzten großen Aktion „vor dem Abflug aus heimatlichen Gefilden“ noch den Erlös von einem Kuchenbasar ihrer Schule sinnvoll ausgeben. Lange musste ich sie nicht überreden, ein Fest zum Tag des Flüchtlings zu machen. Aber würde es uns gelingen, die Flüchtlinge zu erreichen? So verteilten sie zwei Tage vorher persönlich kleine Einladungen und waren nun gespannt, ob jemand kommen würde.
Gleich in der Nähe des größten Heimes auf der Chemnitzer Straße liegt der Jugendtreff Wasserberg, der mir ideal für unser Anliegen schien. Im Jugendkontaktbüro der Stadt war man eher skeptisch ob unserer geplanten Aktion, aber die Sozialarbeiterinnen des Clubs waren sofort dafür, uns zu unterstützen. Schon kurz nach 16 Uhr kamen die ersten Neugierigen vom Asylheim Chemnitzer Straße und bis 17 Uhr hatten sich Club und Garten mit Kindern, Jugendlichen, jungen Männern und Familien gefüllt. Die Kinder hatten längst von den Spiel- und Sportgeräten Besitz ergriffen, die Tischtennisplatte war dicht umlagert und selbst afghanische Muttis versuchten sich im Volleyball. Ein Mann aus dem Kongo hat sich besonders schön im Folklorelook angezogen und ist natürlich beliebtes Fotoobjekt.

Und die Sonne scheint !

Nach dem dritten Titel der Band „Tilili “ – was auf berberisch „Freiheit“ heißt, fangen die ersten Gäste an zu tanzen. „Tilili“ ist multikulturell, ihre Mitglieder kommen aus Marokko, dem Kongo, Deutschland und anderen Ländern. Tanja bastelt mit Mariam, dem kleinen Mädchen mit den schwarzen Mandelaugen, mit Kastanien. Ihre Augen schauen wieder fröhlicher, seit sie mit ihren Eltern und den drei älteren Brüdern in eine große Wohnung nach Freiberg ziehen durfte. Im Asylheim hatten sie zu sechst nur zwei winzige Zimmer und ihre Mutti hat oft geweint, weil sie mit den Nerven am Ende war. Wir haben uns bei den Behörden dafür eingesetzt, dass die Familie das Heim verlassen darf. Aber heute hat Mariam das vergessen und bastelt hingebungsvoll an ihren Kastanientieren.
Mein Blick fällt auf einen jungen schmächtigen Mann aus dem Iran. Seine Augen blicken teilnahmslos in die Runde und auf meine Frage „Wie geht`s?“ lächelt er mühsam und sagt: „Danke, gut!“ Ich sehe sofort, dass es ihm nicht gut geht und frage, ob er immer noch in nervenärztlicher Behandlung ist und Medikamente nimmt. Er bejaht beides. Das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer und ich sehe, dass seine belegte Zunge wie ein Fremdkörper in seinem Mund klemmt. Ich weiß, dass er schon viele Monate in psychiatrischen Kliniken verbracht hat und damit leider kein Einzelfall ist. Das jahrelange Leben im Heim macht die Leute krank. Ich nehme mir vor, mich in den nächsten Tagen um ihn zu kümmern.

Die Stimmung auf der Tanzfläche hat inzwischen ihren Höhepunkt erreicht und aus der Küche dringen appetitmachende Düfte in meine Nase. Da merke ich, dass ich heute noch gar keine Zeit zum Essen hatte. Martin, der Student, hat sich spontan bereit erklärt, die Gemüsepfanne zu übernehmen. Said, unser bester Reiskoch aus Persien, hat sein Werk schon vollendet und schleppt den Riesentopf in den Garten, wo sich Benjamin und David mit der Holzkohle quälen, um den Grill anzubekommen. Der Kuchentisch mit Selbstgebackenem ist bis auf wenige Krümel abgeräumt und langsam geht die Belagerung des Grills los. Die Sonne hat sich inzwischen hinter den Sträuchern verzogen und die Kinder spielen mit zwei Hunden im Garten. Die Invasion auf den Grill ist letztlich nicht aufzuhalten, Martin muss seine leeren Gemüsepfannen zur Kenntnis nehmen und auch mein Magen knurrt munter weiter.
Als ich gegen 21.30 Uhr sichtlich erschöpft auf dem Höhepunkt des Abends zum Finale aufrufe, gibt es Blumen für die Clubleitung, Beifall für die Band und die anderen Mitstreiter, allen voran Claudia und Tanja, die strahlen.
Gäste aus Düsseldorf bedanken sich bei uns und meinen, dass sie den Tag toll fanden und es öfters solche Gelegenheiten geben sollte. Im Westen wäre das schon Normalität. Das meinen auch die anderen Gäste. Sich als Mensch akzeptiert fühlen, dass ist es, was die meisten Flüchtlinge vermissen.
Als ich, sichtlich müde, die letzten Kisten in meinem Auto verstaue, fängt es an zu regnen.
Danke, Denis! Gut gemacht!

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