Gedanken zum „Tag des Flüchtlings“ am 4. Oktober 2002
[Carmen Rath]
„Und bitte, bete für uns, dass schönes
Wetter wird“, hatte ich Denis, meinem
afrikanischen Freund und Trommler
unserer Band, am Telefon noch zugerufen,
denn der Wetterbericht hatte eine
Kaltfront mit Regen vorausgesagt. „Natürlich,
mache ich“, sagte der scherzend,
„kannst dich drauf verlassen!“
Am Morgen des 4.Oktobers dann natürlich
strömender Regen. „Mist“, denke
ich, „dass kann ja lustig werden, grillen
bei dem Sauwetter“. Aber gegen Mittag
bricht - wie ein Wunder- die graue Wolkendecke
auf und die Sonne scheint - bis
zum späten Nachmittag, wie bestellt.
„Pfundskerl“, denke ich und muss
schmunzeln.
Schon am Mittwoch hatten Claudia,
Tanja und ich den Kofferraum meines
Autos vollgepackt mit Getränken, Süßigkeiten,
Bratwürsten und Hähnchen
(islamisch) und der Feiertag ließ mir
genügend Zeit, das Fleisch vorzubereiten.
„Wenn nur das Wetter hält“, denke ich
pausenlos. Claudia und Tanja haben die
Schule bereits hinter sich und wollten
mit dieser letzten großen Aktion „vor
dem Abflug aus heimatlichen Gefilden“
noch den Erlös von einem Kuchenbasar
ihrer Schule sinnvoll ausgeben. Lange
musste ich sie nicht überreden, ein Fest
zum Tag des Flüchtlings zu machen. Aber
würde es uns gelingen, die Flüchtlinge
zu erreichen? So verteilten sie zwei Tage
vorher persönlich kleine Einladungen
und waren nun gespannt, ob jemand kommen
würde.
Gleich in der Nähe des größten Heimes
auf der Chemnitzer Straße liegt der
Jugendtreff Wasserberg, der mir ideal
für unser Anliegen schien. Im Jugendkontaktbüro
der Stadt war man eher skeptisch
ob unserer geplanten Aktion, aber
die Sozialarbeiterinnen des Clubs waren
sofort dafür, uns zu unterstützen.
Schon kurz nach 16 Uhr kamen die ersten
Neugierigen vom Asylheim
Chemnitzer Straße und bis 17 Uhr hatten
sich Club und Garten mit Kindern,
Jugendlichen, jungen Männern und Familien
gefüllt. Die Kinder hatten längst
von den Spiel- und Sportgeräten Besitz
ergriffen, die Tischtennisplatte war dicht
umlagert und selbst afghanische Muttis
versuchten sich im Volleyball. Ein Mann
aus dem Kongo hat sich besonders schön
im Folklorelook angezogen und ist natürlich
beliebtes Fotoobjekt.
Und die Sonne scheint !
Nach dem dritten Titel der Band „Tilili “
– was auf berberisch „Freiheit“ heißt,
fangen die ersten Gäste an zu tanzen.
„Tilili“ ist multikulturell, ihre Mitglieder
kommen aus Marokko, dem Kongo,
Deutschland und anderen Ländern. Tanja
bastelt mit Mariam, dem kleinen
Mädchen mit den schwarzen Mandelaugen,
mit Kastanien. Ihre Augen schauen
wieder fröhlicher, seit sie mit ihren
Eltern und den drei älteren Brüdern in
eine große Wohnung nach Freiberg ziehen
durfte. Im Asylheim hatten sie zu
sechst nur zwei winzige Zimmer und
ihre Mutti hat oft geweint, weil sie mit
den Nerven am Ende war. Wir haben uns
bei den Behörden dafür eingesetzt, dass
die Familie das Heim verlassen darf.
Aber heute hat Mariam das vergessen
und bastelt hingebungsvoll an ihren
Kastanientieren.
Mein Blick fällt auf einen jungen
schmächtigen Mann aus dem Iran. Seine
Augen blicken teilnahmslos in die Runde
und auf meine Frage „Wie geht`s?“
lächelt er mühsam und sagt: „Danke,
gut!“ Ich sehe sofort, dass es ihm nicht
gut geht und frage, ob er immer noch in
nervenärztlicher Behandlung ist und
Medikamente nimmt. Er bejaht beides.
Das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer
und ich sehe, dass seine belegte Zunge
wie ein Fremdkörper in seinem Mund
klemmt. Ich weiß, dass er schon viele
Monate in psychiatrischen Kliniken verbracht
hat und damit leider kein Einzelfall
ist. Das jahrelange Leben im Heim
macht die Leute krank. Ich nehme mir
vor, mich in den nächsten Tagen um ihn
zu kümmern.
Die Stimmung auf der Tanzfläche hat
inzwischen ihren Höhepunkt erreicht
und aus der Küche dringen appetitmachende
Düfte in meine Nase. Da
merke ich, dass ich heute noch gar keine
Zeit zum Essen hatte. Martin, der Student,
hat sich spontan bereit erklärt, die
Gemüsepfanne zu übernehmen. Said,
unser bester Reiskoch aus Persien, hat
sein Werk schon vollendet und schleppt
den Riesentopf in den Garten, wo sich
Benjamin und David mit der Holzkohle
quälen, um den Grill anzubekommen.
Der Kuchentisch mit Selbstgebackenem
ist bis auf wenige Krümel abgeräumt
und langsam geht die Belagerung des
Grills los. Die Sonne hat sich inzwischen
hinter den Sträuchern verzogen
und die Kinder spielen mit zwei Hunden
im Garten. Die Invasion auf den Grill ist
letztlich nicht aufzuhalten, Martin muss
seine leeren Gemüsepfannen zur Kenntnis
nehmen und auch mein Magen knurrt
munter weiter.
Als ich gegen 21.30 Uhr sichtlich erschöpft
auf dem Höhepunkt des Abends
zum Finale aufrufe, gibt es Blumen für
die Clubleitung, Beifall für die Band und
die anderen Mitstreiter, allen voran Claudia
und Tanja, die strahlen.
Gäste aus Düsseldorf bedanken sich bei
uns und meinen, dass sie den Tag toll
fanden und es öfters solche Gelegenheiten
geben sollte. Im Westen wäre das
schon Normalität. Das meinen auch die
anderen Gäste. Sich als Mensch akzeptiert
fühlen, dass ist es, was die meisten
Flüchtlinge vermissen.
Als ich, sichtlich müde, die letzten Kisten
in meinem Auto verstaue, fängt es
an zu regnen.
Danke, Denis! Gut gemacht!
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