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fbÄ #28 - Artikel #2 - - - juni 2002
"...vor der Tür stehen gelassen..."
Gespräch mit der Leiterin des AGENDA 21-Arbeitskreises Eine Welt/Integration, Carmen Rath:

Der „FreibÄrger“ veröffentlichte in seiner letzten Ausgabe das Aktionspapier „Bündnis für mehr Menschlichkeit“ des AGENDA 21-Arbeitskreises Eine Welt/ Integration, in dem zahlreiche Vereine und Verbände zusammenarbeiten, um sich Problemen ausländischer Bürger anzunehmen und für ein besseres Miteinander von Menschen verschiedener Nationalitäten zu werben. Als Schirmherren sollten der Landrat, die Oberbürgermeisterin der Stadt Freiberg und der Rektor der TU Bergakademie gewonnen werden. Deren Unterschriften stehen seit wenigen Tagen unter der „Initiative für ein weltoffenes Freiberg“.

[fbÄ] Wie ist das zu erklären?

[CR] Die Frage haben sich die Mitglieder des AK (und nicht nur diese!) auch gestellt und mit Fassungslosigkeit auf die Art und Weise reagiert, wie mit Bürgerinitiativen umgegangen wird. Der AGENDA- Vorstand hat mit Deutlichkeit gegenüber Stadt und Kreis sein Missfallen zum Ausdruck gebracht. Nach monatelangen Gesprächen und Vorstößen hat man uns sozusagen „vor der Tür stehen lassen“ und eine eigene Initiative formuliert. Nicht einmal zum Festakt hatten wir eine Einladung erhalten.

[fbÄ] Worin sehen Sie die Unterschiede in den beiden Aktionspapieren ?

[CR] Viele Beteiligte haben mir in Gesprächen bestätigt, dass unser Papier konkretere Ziele und Maßnahmen beinhaltet, als das jetzt verabschiedete. Schließlich ist es unter Einbeziehung vieler Initiativgruppen diskutiert und verabschiedet worden. Über Details hätte man sich noch verständigen können. Frau Dr. Rensch hatte von Anfang an erklärt, uns zu unterstützen, der Rektor fand das Anliegen gut, sah eine Schirmherrschaft aber nicht als eine hochschulpolitische Aufgabe an. Lediglich beim Landrat hatten wir offensichtlich durch konkrete Benennung von Einzelfällen, die aber nur stellvertretend für viele betroffene Bürger gemeint waren, Missfallen ausgelöst. Was wir allen Dreien zum Vorwurf machen ist, dass sie nicht mit allen Beteiligten versucht haben, einen Konsens zu finden. Den Vorwurf kann ich ihnen leider nicht ersparen.

[fbÄ] Die „ Initiative für ein weltoffenes Freiberg“ sieht die Schaffung eines Gremiums von 5 ehrenwerten Bürgern vor, das zwischen Gruppen, Vereinen und Privatpersonen vermitteln soll. Was halten Sie davon?

[CR] Uns soll jede ehrlich gemeinte Hilfe recht sein. Allerdings drängt sich in unserem Arbeitskreis das Gefühl auf, man will mit diesem Gremium vollendete Tatsachen schaffen und die von uns favorisierte Gründung eines Ausländer- Beirats verhindern. Der Landrat hat sich zumindest nicht besonders zustimmend zu unserem Anliegen gezeigt. Auch die Neubesetzung der Stelle des Ausländerbeauftragten ist noch nicht geklärt worden, obwohl Herr Dr. Matthes diese Stelle völlig unzureichend ausfüllt und schon selbst um seine Abberufung gebeten hat. Warum man gerade Ex-OB Konrad Heinze in das Gremium gewählt hat, haben sich viele gefragt. Schließlich war er der Einzige, der sich bei der Abstimmung zum „Bündnis gegen Extremismus“ im Kreistag der Stimme enthalten hat und auch während seiner Amtszeit nicht gerade mit besonders ausländerfreundlichen Aktionen aufgefallen ist. Erinnert sei an den schweren Unfall mit den Kosovoalbanern 1998 und die Sammlung von Unterschriften der CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Aber, wir werden vorurteilsfrei an die Zusammenarbeit gehen.

[fbÄ] Wie geht es nun weiter mit dem „Bündnis für mehr Menschlichkeit“?

[CR] Wir waren während der Zeit der Gespräche nicht untätig, haben viele Dinge angeschoben und Kontakte nach außen geknüpft, so zum Beispiel zum Büro des Sächsischen Ausländerbeauftragten und zum Sächsischen Flüchtlingsrat in Dresden. Das Projekt „Schule ohne Rassismus- Schule mit Courage“ ist angelaufen und es gab Einladungen von Schulen, unsere Arbeit vorzustellen. Wir haben erfolgreich auf die unhaltbaren Zustände in unseren Flüchtlingswohnheimen aufmerksam gemacht und erreicht, dass die Betreiberverträge neu ausgeschrieben werden. Inzwischen denkt das Landratsamt darüber nach, Flüchtlingsfamilien außerhalb der Heime unterzubringen. Tagtäglich erreichen uns viele Anfragen von Ausländern mit der Bitte um Hilfe. Jeden Sonntag können Deutsche und Ausländer an unserem Begegnungssport in der Jahnsporthalle teilnehmen. Wir bereiten für den Herbst die Interkulturellen Tage und ein Forum zu Fragen von ausländerspezifischen Problemen vor und zum Tag des Flüchtlings am 4. Oktober wird es eine besondere Aktion geben, bei der die Freiberger beweisen können, wie weltoffen sie sind. Die Versagung der Schirmherrschaft von drei Personen bedeutet also für uns nicht Resignation, sondern spornt uns erst recht an, zu beweisen, dass wir nicht nur Papier beschreiben wollten. Wir werden uns nach anderen Partnern umschauen, die dann an die Stelle treten, wo die Unterschriften von Stadt, Kreis und der TU Bergakademie stehen sollten. Als Erster hat sich der Arbeitskreis ausländische Studierende der TU Bergakademie bereiterklärt, mit uns zusammenzuarbeiten; weitere Anfragen liegen vor. Wir sind uns im Arbeitskreis einig, dass es um die Klärung von wichtigen Sachfragen geht und nicht um persönliche Befindlichkeiten. Deshalb werden wir die Situation nehmen, wie sie ist und mit dem Gremium ehrenwerter Bürger zusammenarbeiten. Wie ernst dessen Arbeit gemeint ist, wird sich bald zeigen und wir werden uns nicht scheuen, die Öffentlichkeit zu suchen, wenn wir merken, dass unsere Arbeit blockiert wird oder ungenügende Unterstützung findet. Wir haben schon eine ganze Liste mit Problemen vorbereitet und warten jetzt nur noch auf das grüne Signal.

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