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fbÄ #27 - Artikel #2 - - - april 2002
Unfälle

[fump] Sonntag. Im örtlichen Kaffeehaus. Es findet gerade ein für alle offenes Schachturnier statt, was hier natürlich eher unwahrscheinlich ist, aber wünschenswert wäre. Dann zweifle ich jedoch selbst daran, dass eine solche Veranstaltung, oder zum Beispiel eine öffentliche Lyrik Lesung bei uns überhaupt genug Akteure und Interessierte finden würde. Ich sehe, dass viele meiner Freunde und andere Jugendliche in meinem Alter etwas suchen, aber nie wissen, was es ist. Und nie sind sie zufrieden mit dem, was passiert, die Langeweile regiert. Stumpfsinn. Auch ich suche. Meine Eltern suchen nicht mehr. Sie haben einige Dinge, die ihnen Spaß machen, gefunden und suchen nichts Neues. Etwas selbst machen erfordert auch mehr Kraft, als nur zu konsumieren. Am meisten mangelt es aber an Ideen.

Der junge Mann aus Nerobe gewinnt. Er ist schwarz und spricht mit einem Accent. Seine Aussprache ist langsam, tief und wohlklingend in meinen Ohren. Ich beobachte ihn. Sein Gesichtsausdruck ist mild und aufmerksam. Schwarze beeindrucken mich. Vielleicht, weil ich selten persönlich mit Nicht-Europäern zu tun habe. Vielleicht, weil die Konturen ihrer Gesichter oft ausgeprägter sind und ihre Erscheinung einfach etwas Besonderes in meiner Umgebung ist.

Neben mir sitzt ein Baby auf einem extra für Kleinkinder vorgesehenen Stuhl. Er lacht alle an, die sich ihm zuwenden. Mit fünfzehn wird er voller Vorurteile sein und niemanden mehr anlächeln, außer das Mädchen mit sehr großen Brüsten aus seiner Matheklasse. Dem Schwarzen wird er nicht zulächeln. Ihn wird er Nigger nennen, oder etwas Schlimmeres, was sich seine Generation in ihrem Hass ausdenken wird. Meine Generation nimmt oft die Namen, die unsere Eltern benutzt haben. Wir haben so viele von den schlechten Ideen übernommen und keine der Guten, weil wir der Meinung sind, alles besser zu können. Zumindest hört man das immer wieder als Begründung.

Alle sind so voller Hass.
Das Glas neben mir stirbt, das Eis schmilzt und ruiniert die Konzentration des Getränks. Das Baby schmilzt innerlich und verliert seine Unschuld. Er wird schmelzen und nie wieder der selbe sein, außer er wird verrückt.
Ich beobachte wieder den Schwarzen. Jetzt verliert er. Er verliert gegen den Mann dessen Rücken mir zugekehrt ist, aber er lächelt. Vielleicht wünscht er sich insgeheim, alle umzubringen und hat nur nicht die Nerven dazu. Kein abwegiger Gedanke, glaubt man der gängigen Einstellung vieler Leute. Wenn das so ist, sollte er verlieren. Wenn er Angst hat, sollte er verlieren. Das Baby hat nur Angst vor der Dunkelheit. Es hat Angst davor, spät in der Nacht allein ohne seine Mutter zu sein. Es braucht Geborgenheit.

Ich habe Angst. Ich liebe sie. Wenn ich das sage, liebe ich wirklich sie, oder liebe ich es, sie zu besitzen? Ich brauche Geborgenheit, ich suche sie. Ich habe Angst und ich werde versagen. Traurig, aber ich werde viele Träume und Talent verschwendet haben. Hoffentlich wird das Baby keine Träume verschwenden. Der Schwarze hat verloren und sitzt jetzt irgendwo anders. Er hat einen Traum verloren. Das Baby lacht. Die Eltern des Babys werden ihm wohl nicht sagen, welchen Traum sie verloren haben, es würde das Kind vielleicht umbringen.
Langsam geht der Schwarze. Er entfernt sich von dem Ereignis, das ihn vergessen hat.
Das Baby spaziert um die Tische. Die Eltern scheinen sich nicht drum zu kümmern, sollten sie wahrscheinlich auch nicht.
Ein großer Mann betritt das Cafe. Er spricht mit einer Frau, die müde aussieht. Sie diskutieren das Verlassen des Ortes, das Ziel scheint egal, die Bewegung ist wichtig. Was ist wirklich von Bedeutung? Ist Leben eine Reise zu einem unbekannten Ziel oder ein Weg von unbekanntem Sinn? Wer weiß. Viele Dinge, die den Weg an- und ausfüllen, machen ihn interessanter.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich einen Haufen mehr Dinge besitze als viele Millionen Menschen, die sich jeden Tag um ihr Überleben kümmern müssen, soweit sie das können. Dann wird man sich eher fragen, wo das nächste Essen herkommt. Ich frage mich gerade, ob es gerecht ist, dass der Cafeangestellte die Zigarettenstummel zusammenkehrt, die viele Gäste ohne nachzudenken auf den Boden geworfen haben. Ich glaube sie wollten nicht nachdenken. Morgen wird sein wie heute war. Wiederholungen. Es ist so viel einfacher in ein Schema des Machens zu verfallen als einfach nur zu sein. Einfach nur sein scheint nicht möglich. Jeder füllt sein Leben mit irgendetwas an, bemisst manchen Dingen mehr Bedeutung zu als es andere tun, und definiert damit sich, seine Person und sein Leben. Und ich habe keine Zeit mich hinzusetzen und nachzudenken. Ich nehme sie mir gar nicht. Müde.

Der Schwarze steht auf um zu gehen.
Er ist fort. Die Anderen spielen ohne ihn weiter, aber es ist nicht dasselbe. Natürlich nicht. Es gibt jetzt eine Lücke in ihrer Gruppe. Neben seinem persönlichen Gewinn, hatte er vor allem den Zweck für die Gruppe, nämlich anwesend zu sein. Er war nützlich für ihr Gesamtgefühl. Wir sind keine unabhängigen Wesen, Gruppen und Gesellschaften sind unsere natürliche Lebensform. Und Gemeinschaften sind normalerweise von Vorteil, solange sich nicht ein Individuum oder eine Gruppe als besser betrachtet. Dann fehlt das Vertrauen zu den Anderen und eine Hierarchie bildet sich. Einfach sein kann der Mensch nicht, er strebt nach Perfektion, Ordnung und Sicherheit. Um zu existieren muss er sich definieren, nicht nur für sich selbst genau er selbst sein, sondern auch in den Augen Anderer.

Jetzt bin ich ruhig. Ich sollte nur zuschauen und nicht darüber nachdenken. Das würde ich gern. Ich weiß so wenig und bei noch weniger Dingen habe ich recht. Der Afrikaner ist weg. Ich weiß nicht, was er macht und denkt. Das Baby lacht mich an. Ich lache zurück. Einfach sein. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet. Ganz einfach, ohne warum.

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