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fbÄ #20 - Artikel #2 - - - januar 2001

“Obdachlosigkeit unsere persönliche, gesellschaftliche und kommunale Verantwortung”

[mad] Eine Gedenkminute an Christa M. und Siegfried K. stand am Anfang einer Podiumsdiskussion, die von der Stadt Freiberg am 24. Oktober im Rathaus organisiert wurde. Leider war das Nachdenken schnell wieder beendet. Wer anschließend mit einem selbstkritischen Blick auf den Frauen- und Obdachlosenmord rechnete, war leider fehl am Platz. Ungefähr achtzig Personen, darunter zahlreiche Mitglieder des Stadtrates, waren der Einladung der Stadt gefolgt. Auf dem Podium saßen der Leiter des Obdachlosenheims Herr Fischer, Frau Hageni vom Sozialamt und Herr Lubos als Vertreter des Landratsamtes. Freibergs Oberbürgermeister Konrad Heinze ließ sich durch den Bürgermeister für Wirtschaft und Soziales Dr. Böttcher vertreten. Als Sprecher der Obdachlosen erschien Herr Gotthardt. Gleich zu Beginn wurde vom Moderator Dr. Daut festgelegt, daß es ein Gespräch “..ohne Polemik und Schuldzuweisungen..” geben soll. Der erste Redner, Herr Lubos, beendete seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß Obdachlosigkeit von Rechtswegen her immer noch eine Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung darstelle. Dabei könnte die Lösung der Probleme so einfach sein. 1256 (eintausendzweihundertundsechsundfünfzig) leerstehende Wohnungen sind ein schlagkräftiges Argument gegen Wohnungsmangel in Freiberg. Darüber hinaus existiert ein Haus mit Schlichtwohnungen, für Leute, die dennoch keine Wohnung haben. Schuldnerberatungsdienste helfen bei finanziellen Problemen. „Das Sozialamt übernimmt Mietschulden“, erklärte Frau Hageni mehrfach. Als letztes Glied in der Kette der Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit fungiert noch das Obdachlosenheim in der Beethovenstraße. Einige Menschen, die in der Öffentlichkeit als Obdachlsoe wahrgenommen werden, würden noch über eine eigene Wohnung verfügen. Der Stellvertreter des Oberbürgermeisters, Dr. Böttcher, beeilte sich noch zu ergänzen, daß es in Freiberg keine Familie gibt, die gezwungen ist, auf der Straße zu schlafen, wie es früher als Schreckensbild über den Kapitalismus verbreitet wurde. Niemand gerät also unverschuldet in Obdachlosigkeit oder muß gar im Park oder in Abbruchhäusern übernachten, so der Grundtenor. Von Arbeitslosigkeit hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand gesprochen und so sollte es auch bis zum Schluß bleiben.

Zum Schwerpunkt der abendlichen Podiumsdiskussion entwickelten sich die Aufenthaltsbedingungen im Freiberger Obdachlosenheim. Wer dort Aufnahme finden will, muß pro Übernachtung 5,- DM entrichten. In den Betten dürfe nicht geraucht werden, hieß es und im gesamten Haus gelte ein striktes Alkoholverbot. Stark angetrunkenen Personen werde zu keinem Zeitpunkt Zugang gewährt, betonte der Leiter Gunter Fischer und mit Nachdruck ereiferte er sich: “Egal was für Wetter, was für eine Jahreszeit! Die Tür bleibt dann zu!” Auf Nachfragen aus dem Publikum, warum er so rigoros gegen Alkoholkonsum sei, wo er doch selber gesagt habe, dass 80-90 Prozent der Obdachlosen Alkoholiker seien, verwies er auf die Probleme im Heim mit Betrunkenen. Immerhin gäbe es Leute bei ihm, die einer Arbeit entweder in Form von ABM oder bei der „Gesellschaft für Strukturentwicklung und Qualifikation“ (GSQ) nachgingen, und die sich durch Betrunkene enorm gestört fühlten. Frau Hageni ergänzte die Ausführungen Fischers noch mit dem Hinweis, dass es im Falle des Zusammenlebens von Menschen eine klare Hausordnung zu geben habe, an die man sich eben halten müsse.

An dieser Stelle hielt es einen Mann aus dem Publikum nicht mehr auf seinem Sitz. Man solle sich doch mal über diese ständige Gängelei der Menschen im Heim, sowie die Lebensbedingungen Gedanken machen. Mit Nachdruck bezweifelte er die offizielle Zahl von 60 Obdachlosen in Freiberg, da niemand genau über die Verhältnisse in den zahlreichen Abbruchhäusern Bescheid wisse. Außerdem verlangte er die regelmäßige Präsenz der Polizei im Albert- Park. Die Polizei erscheine nur, wenn sich mal hoher Besuch blicken lasse. Der Stadt und insbesondere dem Oberbürgermeister Konrad Heinze warf er vor, trotz anderslautender Betroffenheitsreden nicht mit Obdachlosen kooperieren zu wollen. So habe Heinze den ernstgemeinten Vorschlag von Obdachlosen, sich selber ein Haus einzurichten, mit dem fadenscheinigen Argument abgelehnt, da könnten Werkzeuge gestohlen werden. Am Schluss der nur knapp dreistündigen Veranstaltung meldete sich noch ein Vertreter der Polizei zu Wort um den bereits aufbrechenden ZuhörerInnen von der überaus engagierten und erfolgreichen Arbeit der Polizei zu berichten. Den Einwurf, daß es nur bei herrschaftlichem Besuch zu Streifentätigkeit im Albert-Park komme, wies er verständnislos von sich.

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